„Der Chef zeigt dir den Mittelfinger“ – Souveräner Umgang mit cholerischen Vorgesetzten
Die Geschichte einer Kundin, die uns alle betrifft
Vor einigen Wochen erzählte mir eine Kundin eine Situation, die beispielhaft für viele solcher Situationen steht und die dir wahrscheinlich nur allzu bekannt vorkommt:
„Mein Chef hat mir den Mittelfinger gezeigt, weil ich ihm gesagt habe, dass ich eine Aufgabe nicht übernehmen kann. Ich war bereits komplett ausgelastet. Ich bat ihn nur darum, entweder eine andere Aufgabe zu streichen oder zumindest die Deadlines zu verschieben, dann hätte ich die neue Aufgabe übernehmen können. Aber das wollte er nicht hören und hat mich angebrüllt. Er hat mich vor allen anderen übel beschimpft und verließ schließlich mit erhobenem „Stinkefinger“ den Raum. Dieses Erlebnis hat mich wochenlang verfolgt. Ich habe mich ohnmächtig gefühlt und mich gefragt: Wie gehe ich damit um? Wie schütze ich mich vor sowas? Und vor allem: Wie bleibe ich professionell, wenn mein Chef mich so behandelt?“
Diese Geschichte ist leider kein Einzelfall, ich höre immer wieder solche und ähnliche Geschichten. Viele Arbeitnehmer:innen kennen das Gefühl von Hilflosigkeit, Wut oder Ohnmacht, wenn sie mit cholerischen, respektlosen oder sogar aggressiven Chefs konfrontiert werden. Und ja, meist sind es Chefs, aber auch Chefinnen kommen vor.
Doch wie geht man damit um? Wie bewahrt man seine Souveränität, seine Würde und seine Gesundheit? Denn langfristig kann ein solches Verhalten von Führungspersonen auch krank machen.
Warum verhalten sich Chefs manchmal so? Ein Blick hinter die Fassade.
Bevor wir uns mit Lösungen beschäftigen, ist es wichtig zu verstehen, was hinter cholerischem Verhalten stecken kann. Oft stecken hinter der Wut oder Aggression von Führungspersonen eigene Ängste, Druck oder Überforderung:
- Zeit- und Leistungsdruck: Viele Führungspersonen stehen selbst unter enormem Druck, von oben, von Kund:innen oder von der eigenen Karriere.
- Angst vor Kontrollverlust: Wenn Mitarbeitende Grenzen setzen, kann das bei Führungspersonen Unsicherheit auslösen.
- Projektion: Manche Chefs übertragen ihre eigene Unzufriedenheit oder Überforderung auf ihr Team.
- Mangelnde Führungskompetenz: Nicht jeder, der eine Führungsposition hat, ist auch eine gute Führungsperson.
Um das ganz klarzumachen, das bedeutet nicht, dass ihr Verhalten entschuldbar ist. Aber es hilft, die Situation einzuordnen und vielleicht auch, diese nicht persönlich zu nehmen. Ich weiß, das ist oft sehr schwer, gerade in den hochemotionalen Momenten, in denen dir das passiert.
Was tun, wenn der Chef zum „Gewitter“ wird?
1. Bleibe ruhig, auch wenn es schwerfällt
Deine erste Reaktion ist verständlich. Vermutlich steigen Wut und Frust in dir hoch. Es kommt der Wunsch zu kämpfen und zurückzuschlagen oder sich zurückzuziehen. Aber in dem Moment, in dem dein Chef ausrastet, ist deine innere Ruhe dein bestes Werkzeug. Was kann dir helfen, ruhig zu bleiben?
- Atemtechnik: Tief durchatmen, bevor du antwortest. Sage dir innerlich: „Ich lasse mich nicht provozieren.“
- Körpersprache: Vermeide defensive Haltungen (z. B. verschränkte Arme) oder aggressive Gesten. Stehe aufrecht, aber entspannt. Wenn du sitzt, kann es sehr helfen aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen. Aber nicht auf den Wüterich zu und nicht so, dass es nach Flucht aussieht.
- Um eine Pause bitten: Falls möglich, bitte um eine kurze Auszeit, um die Emotionen zu kontrollieren. „Ich möchte das gerne sachlich besprechen. Können wir das in 10 Minuten fortsetzen?“
2. Setze klare Grenzen, ohne Konfrontation
Du musst nicht alles hinnehmen. Aber wie setzt man Grenzen, ohne dass es zu einem Machtkampf kommt?
- Ich-Botschaften: Formuliere deine Grenzen in der Ich-Perspektive, um Angriffe zu vermeiden. Beispiel: „Ich merke, dass ich gerade total überlastet bin und die zusätzliche Aufgabe nicht übernehmen kann. Mir ist wichtig, dass meine Arbeit qualitativ hochwertig bleibt.“
- Fakten nennen: Nenne konkrete Beispiele für deine Auslastung. „Ich habe aktuell drei Projekte mit Deadlines diese Woche. Wenn ich diese neue Aufgabe übernehme, verschiebt sich die Deadline für Projekt X.“
- Lösungen anbieten: Zeige, dass du bereit bist zu kooperieren, aber eben auf fairer Basis. „Ich könnte die Aufgabe übernehmen, wenn wir die Deadline für Projekt X um zwei Tage verschieben oder wenn Kollegin Y die Aufgabe Z übernimmt.“
3. Dokumentiere für dich und für den Fall der Fälle
Aggressives Verhalten von Chefs kann schnell in eine Grauzone rutschen. Wenn du dich unsicher fühlst oder das Gefühl hast, dass Grenzen überschritten werden, führe ein Protokoll:
- Was wurde gesagt? (Zitate oder Kernaussagen notieren)
- Wie war deine Reaktion? (z. B. „Ich habe mich entschuldigt und versucht, die Aufgabe zu übernehmen, obwohl ich überlastet war.“)
- Wer war anwesend? (Zeug:innen können helfen, die Situation zu klären)
Dieses Protokoll ist kein „Angriff“, es dient deinem Selbstschutz. Es hilft dir, später zu reflektieren, aber auch, im Zweifel Beweise zu haben (z. B. bei Mobbing oder Belästigung).
Solche »Mobbing-Tagebücher« haben in der Vergangenheit schon häufiger Kundinnen und Kunden sehr geholfen. Wichtig ist, dass du dich zeitnah nach einem Ereignis hinsetzt und aufschreibst, was passiert ist. Umso frischer und konkreter die Erinnerung, umso besser.
Dringend abraten muss ich dir von Ton oder gar Bildaufnahmen. Das wäre eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte deiner Führungsperson und kann im Zweifel sogar eine fristlose Kündigung rechtfertigen. Dieses Risiko solltest du in keinem Fall eingehen.
4. Suche dir Unterstützung, du musst das nicht allein schaffen
Viele Betroffene schweigen aus Angst vor Konsequenzen und das hilft niemandem. Wo kannst du Hilfe bekommen?
- Kolleg:innen: Sprich mit vertrauenswürdigen Kolleg:innen. Vielleicht haben sie ähnliche Erfahrungen und gemeinsam könnt ihr leichter dagegen vorgehen.
- Betriebsrat/Mitarbeitervertretung: In vielen Unternehmen gibt es Anlaufstellen für solche Fälle.
- Externe Hilfe: Freund und Familie können dir helfen, die Situation für dich zu reflektieren. Und als Karriereberater helfe ich dir, Strategien zu entwickeln oder auch, eine Entscheidung für einen Jobwechsel zu treffen, wenn die Situation toxisch wird.
5. Die Langfristperspektive: Wie findet man einen entspannten Umgang mit schwierigen Führungspersonen?
Auch wenn du die Situation nicht ändern kannst, du kannst lernen, gelassener damit umzugehen. Folgendes kann dir helfen.
- Akzeptanz: Manche Chefs werden sich nicht ändern. Akzeptiere das, ohne dich schuldig zu fühlen.
- Emotionale Distanz: Trainiere, das Verhalten deines Chefs nicht persönlich zu nehmen.
Frag dich: Was sagt sein Verhalten über mich aus? Nichts. Es sagt etwas über ihn aus! - Selbstfürsorge: Investiere in Aktivitäten, die dir Energie geben, z. B. Sport, Hobbys, Freunde. Das stärkt dein Selbstbewusstsein.
- Weiterbildung: Wenn du merkst, dass dein Chef dir ständig unzumutbare Aufgaben gibt, überlege, ob du Skills aufbaust, die dich unersetzlich machen oder einen Wechsel erleichtern (z. B. Zertifikate, neue Methoden).
Wann ist es Zeit, den Job zu kündigen?
Manchmal reicht es nicht, Strategien zu lernen, manchmal ist der einzige Ausweg ein Jobwechsel.
Folgende Fragen können dir helfen, zu entscheiden, ob es bei dir so weit ist.
- Fühlt sich deine psychische Gesundheit dauerhaft angeschlagen an?
(z. B. Schlafstörungen, ständige Anspannung, Angst vor der Arbeit) - Hast du das Gefühl, dass du dich unter Wert verkaufst?
(Du bekommst keine Anerkennung, keine Entwicklungschancen.) - Gibt es keine Möglichkeit, das Verhalten deines Chefs zu ändern?
(Kein Betriebsrat, keine Unterstützung von oben)
Wenn du diese Fragen mit „Ja“ beantwortest, könnte es Zeit sein, über einen Wechsel nachzudenken. Denke dabei vor allem immer an Eins: Deine Gesundheit geht vor, kein Job der Welt ist es Wert, dass du deine Gesundheit ruinierst.
Fazit: Du hast mehr Möglichkeiten, als du vielleicht denkst
Die Geschichte meiner Kundin endet nicht in einer Katastrophe. Sie hat gelernt, ihre Grenzen zu setzen, sich Unterstützung zu holen und schließlich eine neue Stelle gefunden, in der sie wertgeschätzt wird.
Du bist nicht hilflos. Auch wenn dein Chef dich respektlos behandelt, deine Würde, deine Gesundheit und deine Professionalität sind unantastbar.
Deine nächsten Schritte
- Reflektiere deine letzte schwierige Situation mit deinem Chef: Was würdest du heute anders machen?
- Schreibe eine Ich-Botschaft: Übe, Grenzen klar und respektvoll zu setzen.
- Suche dir Verbündete: Sprich mit Kolleg:innen oder einer Vertrauensperson.
Wenn du das Gefühl hast, dass die Situation in deinem Job toxisch wird, zögere nicht, professionelle Hilfe zu suchen. Buch dir hier einen Termin für ein kostenloses Telefonat mit mir. Gemeinsam finden wir heraus, wie du deine Ziele erreichen kannst.
Verfasst / Aktualisiert am:
07.04.2026
Bildnachweis:
Erstellt mit Le Chat Christian Brackelmanns